Aus dem Imkerleben

 

Krokusblüte Allgäu

Seit Maria Lichtmess werden die Tage wieder spürbar länger und die Allgäuer Natur erwacht langsam aus der Winterruhe. Das Erwachen der Bienenvölker ist jedes Jahr wieder ein Zeichen für die alljährliche Wiedergeburt der Natur. Die Bienen nutzen die ersten warmen Tage um ihre Kotblase draußen im Flug zu entleeren (zum Leid derer, die ihre Wäsche draußen aufgehängt hatten) und um tote Bienen und Wintergemüll aus ihrer Behausung zu schaffen.

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Die Königin beginnt ihre ersten Eier in die Zellen zu legen und dehnt ihr Brutnest immer mehr und mehr aus. Mit den ersten Blumen kann man auch die Bienen vermehrt an Haselkätzchen und anderen Frühblühern beobachten. Hier sammeln sie emsig Pollen, die nun zur Aufzucht der Brut lebensnotwendig ist.

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Ende November wurden unsere Völker mit Oxalsäure zur Prävention der Varroa-Milbe behandelt und anschließend in die Winterruhe entlassen. Doch wir hatten nicht unsere Ruhe. Hier ein kleiner Rückblick:

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Zu Erntedank war die eigentliche Arbeit am Bienenstand abgeschlossen. Dafür aber beteiligten wir uns am Festgottesdienst in Nesselwang mit einem Imkergesteck, das wir Imker feierlich in die St. Andreas-Kirche getragen haben.

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Zum Nikolaus beteiligten wir uns wieder beim Nesselwanger Adventsmarkt mit unserem Verkaufsstand, bei dem es neben Honig auch von uns liebevoll hergestellte Bienenwachskerzen oder Christbaumschmuck zu erwerben gab.

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Einige unserer Kunden mussten wir leider mit leeren Händen nach Hause gehen lassen, da unsere Honigbestände rasch verkauft waren. Das Jahr 2013 war aufgrund des kalten Frühjahrs nicht ertragsreich gewesen.

Dank unserer Zusammenarbeit im dem Bauernverband Nesselwang  besuchte uns im Februar Referent Marcus Haseitl. Er präsentierte uns u.a. mit dem Film „More than Honey“ anschaulich Informationen über den Schutz von Insekten. „More than Honey“ ist ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 2012, der vor allem das Bienensterben thematisiert – ein wichtiges Thema, das leider sehr selten in den Medien auftaucht.

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Toni Hatt

Toni Hatt

Mein Name ist Hans-Toni, ich bin Marktleiter in einem Lebensmittelunternehmen und Jahrgang 57. Meine Freizeit verbringe ich in der Natur, bei meinen Bienen im Garten und im Männerchor. Seit einigen Jahren bin ich auch Vorstand im Nesselwanger Imkerverein und versuche dort meine Begeisterung für die Bienenhaltung weiterzugeben. Die Bienen helfen mir, mich nach stressiger Arbeit zu entspannen und zeigen mir sofort, wenn mir dies nicht gelingt. Dann werden sie nämlich auch unruhig…

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Flori bloggt – Kapitel 7: Entsteht Kreativität aus Mangel?

Wahre Kreativität entsteht aus Mangel! Das habe nicht ich gesagt, sondern der Modedesigner Wolfgang Joop. Und da der Herr bereits seit einigen Jahrzehnten erfolgreich im Geschäft ist, muss er es ja schließlich wissen. Obwohl ich, seitdem ich im Fernsehen eine Homestory über und mit ihn gesehen habe, mich frage, an was es Herr Joop mangeln könnte. Irgendetwas muss es ja nicht in seinem Leben geben, dass er gerne hätte, ansonsten wäre ja nichts mehr zu erwarten von ihm. Was mich zur Frage bringt, an was es eigentlich mir mangelt. Denn an fehlender Kreativität kann ich mich nicht beklagen. Wenn ich morgens aus dem Bett steige, das Frühstück herrichte, verschlafene Kinder aus dem Bett zu treiben versuche und die Brotzeitboxen aus dem Schrank hole, drängeln sich bereits scharrend die Ideen an der Pforte meines Unterbewusstseins, die ungeduldig auf Ausgang ins Bewusste hoffen. Frühling NesselwangAlso, worin liegt mein Mangel, der da ungestillt in mir schlummert? Mein Blick schweift aus dem Fenster. Der Frühling hat sich Mitte März breit gemacht und die Natur im Allgäu strotzt nur so vor Selbstbewusstsein. Schneebedeckte Berge reflektieren das rosafarbene Morgenlicht, die Vögel zwitschern übermütig in den knospenden Sträuchern und die Krokusse leuchten mir mit ihren Signalfarben durch den seidigen Bodennebel entgegen. Da draußen herrscht nur Perfektion. Auch wenn man sich Mühe geben würde, es ist weit und breit kein Mangel zu entdecken.

Alltagsmangelerscheinungen
„Wo ist das Müsli?!“ Eine berechtigte Frage von Tim, der mich aus meinen Gedanken herausholt. Müde setzt er sich mit seinen verstrubbelten Haaren auf den Kinderstuhl, reibt sich den Schlaf aus den Augen und schaut mich auffordernd an. Kurz darauf fegt Adrian, mit drei seiner Kuscheltiere bewaffnet, um die Ecke, bremst abrupt und starrt enttäuscht auf den noch leeren Frühstückstisch. „Is ja gar nix da! Dann geh ich wieder ins Bett!“ Beleidigt zieht er von dannen.

Essen Nesselwang „Sag mal Flori, ist der Kaffee noch gar nicht fertig?!“ Es ist meine Frau, die fragend ihren mit einem Frotteehandtuch umwickelten Kopf in die Küche steckt.
„Ach nö!“, stöhnt sie. „Dann gehe ich mich erst einmal schminken.“ Nein, auch hier herinnen, in den eigenen vier Wänden, besteht kein Mangel, befinde ich und tauche schmunzelnd in das allmorgendliche Chaos ab. Denn uns fehlen immer zehn Minuten, egal ob wir extra eine Viertelstunde früher aufstehen oder nicht.
Nachdem meine Frau mit wehenden Fahnen und einer Kaffeetasse bewaffnet, wie immer viel zu spät, aus dem Haus zu ihrem Wagen stürmt, ich Tim zum einhundertsten Mal dazu angetrieben habe, sich nun endlich auf den Schulweg zu machen, muss ich erst einmal Adrian suchen gehen. Ich finde ihn im Bad. Dort ist er gerade damit beschäftigt, die Seife in den Abfluss des Waschbeckens zu stopfen, das beinahe überläuft. strahlt er mich an und wedelt dabei frenetisch mit seinen durchtränkten Ärmeln. Sicherlich würde ein Erziehungsberater innerhalb einer Sekunde die Disziplinlosigkeit meiner Kinder auf einen Mangel meiner mütterlichen Fähigkeiten stringent zurückführen können. Aber das lasse ich nicht gelten, da es sich bei diesem renitenten Verhalten um einen kindlichen Urzustand handelt, an dem wir Erwachsenen uns vergeblich die Zähne ausbeißen. Folglich herrscht auch hier kein Mangel.

Um Viertel nach Acht habe ich es geschafft. Das heißt beinahe. Ich muss noch schnell vom Kindergarten zurück in die Wohnung um Adrians Brotzeitbox zu holen, die verwaist auf der Kommode steht. Nun noch schnell einkaufen gehen und dann kann ich mich konzentriert an den Esstisch zum Schreiben setzen. Endlich! Das mit dem schnell einkaufen in Nesselwang ist auch so eine Sache. Es gelingt mir in diesem Dorf zumeist nicht. Bereits an der Brottheke bleibe ich auf einen kleinen Plausch hängen, danach am Gemüsestand. Ich schaue erschrocken auf die Uhr und verabschiede mich eilig. Das Kühlregal umfahre ich vorsichtshalber, um an der Wurst- und Käsetheke erneut kleben zu bleiben. Am Kommunikationswillen meiner Mitmenschen mangelt es mir wahrlich nicht. Nun aber schnell.  Als ich meinen übersichtlichen Einkauf in den Bastkorb verstaute, strahlt mich die Kassiererin an.“
Ich schaue aus dem Ladenfenster. „Meinst du wirklich?“, frage ich angefixt zurück.
„Wer weiß schon, wie lange es noch hält!“

Sportheim Böck NesselwangKeine dreißig Minuten später stapfe ich mit der Mutter von Tims bestem Freund, die sich mir spontan an der Rückgabestelle der Einkaufswagen angeschlossen hat, durch die Schneereste des mager ausgefallenen Winters hoch zur Bergstation an der Alpspitz. Munter setzen wir uns auf die vom Wind geschützte Bank vor die Panoramafenster des Sportheim Böcks, geben unsere Bestellung auf und genießen die ersten wärmenden Strahlen der Märzsonne. Wir hätten so den ganzen Tag verbringen können, hätte uns nicht freundlicher Weise die Servicekraft darauf aufmerksam gemacht, dass es bereits viertel vor Zwölf ist. Wir müssten doch sicherlich unsere Kinder daheim in Empfang nehmen. Im Dorf kennt jeder jeden, da fängt einen das soziale Netz gerne einmal auf, bevor man etwas Elementares beinahe verbummelt. Also, auch hier kein Mangel in Sichtweite.

Mit von der Sonne gerötetem Gesicht sammle ich meine Kinder ein, brause nach Hause und versuche den Rest des Tages meine Verspätung wieder gut zu machen. Es wird ein wenig hektisch: Aufdecken, kochen, abdecken, Hausaufgaben kontrollieren, Adrian erneut umziehen, Wäsche waschen, aufhängen, saugen, Tim zum Fußballtraining und Adrian zu einem Freund fahren, noch einmal zum Kühlregal (dort erneut hängenbleiben), After Sun kaufen gehen, Kinder wieder einsammeln, Abendbrot richten, essen, Kinder umziehen, mit ihnen ihre Lieblingssendung anschauen, vorlesen, Gute Nacht-Kuss geben, Spülmaschine ausräumen, den Kindern noch einen Gute Nacht-Kuss geben, Laptop hochfahren, nun haben die Minis plötzlich Durst, Passwort eingeben, Adrian muss noch einmal auf die Toilette und nun endlich fange ich mit meiner Arbeit an. Wurde auch Zeit. Ich hoffe, meinen Ideen ist noch nicht die Puste ausgegangen.Arbeit Nesselwang (1) Als ich den ersten Satz schreiben möchte, dreht sich der Schlüssel meiner Frau im Schloss um. „Mama ist da!!!“, schreit es aus den Kinderzimmern heraus. Bevor sich die Wohnungstür gänzlich geöffnet hat, sind meine Buben aus den Betten gehüpft. Lachend hängen sie sich an den Beinen ihrer Mutter und poltern gemeinsam mit ihr in das Wohnzimmer hinein.
„Na, wie war eurer Tag?!“, fragt sie mich munter in mein sonnenverbranntes Gesicht hinein. Ich schaue auf meine Uhr. Und da fällt mir mein persönlicher Mangel ein! Ich habe einfach zu wenig Zeit zur Verfügung. Die vierundzwanzig Stunden des Tages reichen einfach nicht aus. Zufrieden klappe ich den Laptop zu, nehme Adrian auf den Schoß und berichte meiner Frau zufrieden, dass Wolfgang Joop doch Recht hat.

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Florian Herb

Florian Herb

Florian Herb. Jahrgang 1971. Verheiratet. Zwei Söhne. Eigentlich Berliner. Hat jedoch am 07. September 2013 um 06:47 auf der Alpspitze nach zweijähriger Akklimatisierungphase beschlossen, dass er nun auch Nesselwanger ist. Was soll er auch woanders? Im Hauptberuf Hausmann. Im Nebenberuf Autor. „Männerwirtschaft“ Ullstein Verlag 2013 ist sein Debüt und ein teilautobiographischer Frontbericht über den Ausnahmezustand Elternzeit. Sein neuer Roman "Liselotte, Frau Nowak und der Grieche" erscheint am 10. März 2014. www.facebook.com/herbflorian www.ullsteinbuchverlage.de

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Das Wochenende einer Biathletin

Biathletin Anna Haslach Nesselwang

Es ist Freitagmorgen und ich muss schon um sechs Uhr aufstehen, um mit meinem Vater von Nesselwang nach Kaltenbrunn bei Garmisch-Partenkirchen zu einem Deutschland-Pokalrennen zu fahren. Dort angekommen, war gleich das Training, um sich den Schießstand und die Strecke zu besichtigen und zu testen.

Anna Haslach Biathlon Nesselwang

Normalerweise würde ich in der Schule sitzen, aber so ein Training macht mir mehr Spaß. Nachmittags habe ich frei und besichtige die Fußgängerzone in Mittenwald. Am Abend muss ich früh ins Bett gehen, sodass ich am nächsten Tag für meinen Wettkampf fit bin, denn um halb sieben klingelt schon wieder der Wecker. Nachdem ich meine Sportsachen angezogen habe, mache ich Frühsport. Ich geh ein wenig joggen und dehne mich, damit ich wach werde und schon etwas aufgewärmt bin. Anschließend gibt es endlich Frühstück. Die letzten Sachen zusammenpacken und auf geht’s zum Biathlonstadion. Dort schaue ich mir zuerst die Strecke an und gehe danach zum Anschießen, wo die Waffe richtig eingestellt wird. In einer  dreiviertel Stunde ist dann auch schon mein Start. Die letzten Vorbereitungen werden gemacht und ich wärme mich auf. Nun ist es so weit…mein Start! Da werde ich dann schon mal etwas nervös.Anna Haslach Biathlon Nesselwang

Erste Runde-ein Nachlader-zweite Runde-zwei Nachlader-dritte Runde-ZIEL. Endlich geschafft und ich bin 10. Anschließend ziehe ich mich um und sehe den anderen beim Rennen zu. Dort habe ich auch noch Magdalena Neuner getroffen und ein Foto mit ihr gemacht. Sie gilt als beste Biathletin während ihrer Karriere. Bei Weltmeisterschaften ist sie mit zwölf Goldmedaillen Rekordtitelträgerin und stand insgesamt 17 Mal auf dem Podium. 2010 wurde sie bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver Doppelolympiasiegerin und einmal Zweite. Klar, dass sie ein Top-Vorbild für mich ist.Magdalene Neuer

Nach einem Wettkampf bin ich ziemlich hungrig, weil dieser Sport den ganzen Körper fordert und danach auch die Anspannung wegfällt. Trotzdem gehe ich nach dem Essen am Nachmittag noch einmal auf die Loipe, um auszulaufen. Danach bin ich ganz schön platt und ruhe mich vor dem Fernseher aus. Am Sonntag muss ich wieder um halb sieben aufstehen und eigentlich ist es genau der gleiche Ablauf, nur dass heute ein Verfolgungsrennen ist und meine Familie zum Zuschauen angereist ist. Das ist natürlich schön für mich, dass sie mich und meinem Sport so unterstützen. Auch meine beiden jüngeren Schwestern Karina und Lena tragen ein Biathlon-Gen in sich und trainieren fleißig.

Nach dem Wettkampf sind wir alle zusammen noch zum Pizzaessen gegangen, auch wenn das Schießen nicht ganz so gut lief und ich deshalb nur 16. geworden bin. Meine Trainer in Nesselwang haben da natürlich die Augen ganz genau drauf. So analysiert z.B. Christoph Draesner beim Training im Trendsportzentrum Allgäu meine Schüsse und bespricht sie mit mir. Ich bin froh, dass wir hier so tolle Möglichkeiten haben. Schließlich haben nur wenige Orte eine so professionelle Schießanlage. Gäste können auf der Strecke unter Anleitung sogar ein Schnupperbiathlon machen – im Winter mit Langlaufski, im Sommer mit Inline-Skates oder indem sie die Strecke joggen.

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So kann ich mich ständig verbessern und mein großes Ziel, bei den nächsten Olympischen Winterspielen in Pyeongchang dabei zu sein, rückt damit vielleicht ein bisschen näher ;-).

Eure Anna

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Anna Haslach

Anna Haslach

Hallo ich bin die Anna! Mein Herz brennt für den Sport. Vor allem Langlaufen bei schönem Wetter macht mir richtig viel Spaß. Mein Traum ist als Biathletin oder - wenn nicht sportlich - dann als Zuschauerin zu den Olympischen Winterspielen zu fahren, vielleicht klappt es schon zu den nächsten 2018 in Pyeongchang.

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Flori bloggt Kapitel 6: Wo die wilden Kerle wohnen

682111_original_R_by_CFalk_pixelio.de„Papa, Papa, schau mal da! Was ist das?!“ Konzentriert schaue ich von meiner endlos erscheinenden Einkaufsliste hoch und suche vergeblich meinen Jüngsten. Wo steckt er nur wieder?! Nein, wir befinden uns nicht in einem Supermarkt, sondern im überschaubaren Verkaufsraum der örtlichen Apotheke in Nesselwang. Eigentlich wäre es besser, wir würden gleich hier einziehen. Es ist Ping-Pong-Ansteckzeit, und das schon seit einem Monat. Die kleinen Erreger, die Adrian aus dem Kindergarten mit Heim bringt, reicht er beim Spielen an Tim weiter, der sie dann beim Gutenachtkuss, wie einen Staffelstab, an meine Frau übergibt. Und da wir eine verschmuste Familie sind, kann ich unmöglich sagen, von wem ich sie vererbt bekommen habe. Folglich befinden wir uns in einem strudelartigen Zustand, der uns aller Wahrscheinlichkeit nach gemeinsam mit nach unten reißen wird. Momentan liegen nur Tim und meine Frau flach, das wird sich aber in der kommenden Woche bestimmt ändern.

Dorf-Schaufenster

„Papa! Jetzt schau doch mal!“. Ich würde ja gerne, kann ihn aber immer noch nicht entdecken.
„Ich glaube, er steckt in der Auslage“. Eike, der Besitzer der Apotheke, kennt anscheinend seine junge Kundschaft. Ich beuge mich suchend in das Schaufenster und blicke an einem Plastikschneemann vorbei, der für Grippemittel wirbt. Und tatsächlich, rechts neben ihm kniet Adrian und verschmiert mit seinen Traubenzuckerfingern die Scheibe.

Irokesen Hund “Da, Papa. Was ist das?!“ Ich folge seinem aufgeregt ausgestreckten Zeigefinger und entdecke an der gegenüberliegenden Bushaltestelle einen jungen Mann mit rot gefärbter Irokesenfigur, der gelangweilt auf sein Transportmittel wartet. Adrians erster Kontakt mit der Subkultur. Ein städtischer Vierjähriger wäre gelangweilt gewesen, jedoch herrscht bei der hiesigen dörflichen Jugend der Einheitsbekleidungs- und Frisurenbrei der Skate-HipHop-Snowboard-Trickski-Szene vor.
„Das ist ein Punker!“ Es ist Eike, der meinem Sohn seine dringende Frage beantwortet. Ich will ihm gerade zustimmen, als ich an zwei kleinen, aber entscheidenden, Details hängen bleibe.
„Nein“, widerspreche ich dem Ladenbesitzer.
„Doch!“, widerspricht er mir.
„Schau Eike, der hat an seinem Nietengürtel einen Mitarbeiterausweis hängen. Und ferner ist er im Besitz eines Smartphones!“
Der Bus kommt. Der „Mimikry“-Punker verstaut sein Telefon, holt die Monatsfahrkarte aus der Bomberjacke, steigt ein und zeigt sie dem Busfahrer.
„Da haben wir´s! Er fährt noch nicht einmal schwarz!“, rufe ich triumphierend aus.
„Ist das entscheidend?!“
„Auf jeden Fall!“
„Papa, was ist ein Punker?!“

52408_original_R_by_drizzd_pixelio.deIch schaue meinen Sohn an und will ansetzen ihm das zu erklären, gerate ins Stocken und schließe meinen Mund wieder. Wie soll man bloß einem kleinen Stöpsel vom Land erklären, was ein Punker ist.
„Das erkläre ich dir heute nach dem Abendbrot.“, vertage ich meine Unbeholfenheit auf später.
Adrian ist ein geduldiges Kind, das aber leider auch gar nichts vergisst. Kaum hat er die Reste seines Erdbeerjoghurts am Pyjama abgewischt, schaut er mich erwartungsvoll an.
„Jetzt, was ist ein Punker, Papa?
Nun gut. Zur Verstärkung fahre ich den Rechner hoch, klicke auf Wikipedia und gebe den Suchbegriff `Punker´ ein. Ein Text epischen Ausmaßes empfängt mich.
„Charakteristisch für den Punk sind provozierendes Aussehen, eine rebellische Haltung und nonkonformistisches Verhalten…“ , zitiere ich die Onlineplattform halblaut vor mich hin.
„Was ist nonfompomistisch?“, fragt Tim interessiert über sein Leberwurstbrot hinweg. Nun sind es schon zwei!
Da habe ich den Salat. Vom Regen in die Traufe. Meine Frau steht schmunzelnd auf, putzt sich die Nase, murmelt etwas von `viel Spaß´ und verschwindet mit der Apothekentüte bewaffnet im Hausgang. Es gibt tausende von Büchern, die den Kindern das Wesen von Baumaschinen, die unterschiedlichsten Berufsbilder und die rudimentären Regeln der Chemie, Physik und Philosophie näher bringen sollen, aber ich bin mir sicher es gibt kein einziges, dass subkulturelle Strömungen seit Beginn der sechziger Jahre des vergangene Jahrhunderts kindgerecht behandelt. Eine klare Lücke, die die Verlagshäuser schleunigst zu schließen haben.
„Lerne am Modell!“ Ein Spruch meines Vaters, der sich plötzlich aus meinem Unterbewusstsein herausschält. Ich überlege kurz mit geschlossenen Lidern, wie ich diese Lebenshilfe auf mein aktuelles Problem abstrahieren soll, als plötzlich der Karl von der Kappeler Alp vor meinem inneren Auge erscheint. Ich erschrecke ein wenig. Und beim genaueren Überlegen ist es der einzige Punk, den ich überhaupt kenne. Obwohl er keine Irokesenfrisur hat.

JohnnyDafür sah er bereits bei unserer ersten Begegnung aus wie Johnny Depp als Kapitän Jack Sparrow, und benahm sich ebenso auffällig, obwohl es zu diesem Zeitpunkt diesen Charakter noch nicht gegeben hatte. Im Nachhinein überlegte ich mir, ob einer dieser Disney Manager einmal Urlaub im Allgäu verbracht hatte und derart inspiriert von seiner Bergreise in die Staaten zurückkehrte. Neben seinem schrulligen Äußeren ist es sein infernalisches Lachen, das Karl unverkennbar macht. Ebenso wie die omnipräsent mitgeführte Flasche Bier. Ich glaube nicht, dass er sich von irgendjemand etwas sagen lässt.

Kappeler Alp

Auf seiner Hütte war einmal Herr Stoiber zu Gast. Die gesamte Belegschaft lief mit einem eigens bedruckten T-Shirt, auf dem `Frei statt Bayern´ stand herum und bediente die Ehrengäste. Er fährt gerne des Nachts mit seiner Motorcross-Maschine um die Hütte und hatte mal eine Pistenraupe, mit der er eigentlich im Winter ins Tal fahren wollte. Die Wegemacher hatten ihm das aber dann verwehrt. Dann kam eben der Skidoo ins Haus.
„Das ist es!“, rufe ich aus. Die Kinder starren mich erwartungsvoll an.
Ihr erinnert euch doch noch an die Wanderung zur Kappeler Alm, oder?
„Da wo der wilde Kerl, der Karl wohnt!?!“ Die Pupillen meiner Kinder weiten sich ehrfürchtig. Und ich bin mir sicher, dass sogar abgeklärte Vierzehnjährige aus der Großstadt genauso reagiert hätten, würden sie ihn nur kennen.
Es war diesen Winter, kurz vor Weihnachten gewesen, als ich mich mit meinen beiden Söhnen, über die Höllschlucht von Kappel aus, auf den vierzig Minütigen Weg hoch durch eine leicht überzuckerte Traumlandschaft zum Karl gemacht hatte. Ich befand, dass sie dafür reif genug waren. Es gab drei Gründe, warum ich das mit ihnen machte:

carlos5Erstens: Karls sagenumwobenen, selbstgeschmückten Weihnachtsbaum. Jedes Jahr wird er mit Muße und Hingabe neu von ihm gestaltet. Und gegen Voranmeldung bekommt man vom Meister persönlich eine alles erläuternde, zwanzigminütige Weihnachtsbaumführung, die die Kuratoren des Prado, der Tate Gallery und der neuen Pinakothek der Moderne vor Neid erblassen lassen würde. Anstatt Lametta und rote Kugeln hängen dort Wolpertinger, verstaubte Fledermäuse mit Motorantrieb, abgeknickte Wanderstöcke, zerfetzte Wanderkarten und verkritzelte Portraits führender Politiker im Geäst des Tannengrüns. Zugegeben, es ist jedes Mal schwierig dem kehligen Allgäuer Dialekt, und den ausladenden Gesten Karls zu folgen. Fragt man noch heute meine Kinder – im jeden Fall ein einschneidendes Erlebnis.

El CarlosZweitens: Die Kappeler Alp ist die einzige Alternative zu der ansonsten üblichen „Einheitsbeschallung“, die aus den Lautsprechern der Allgäuer Hütten im Winter herausquellt. Wir hatten damals Glück gehabt. Erst liefen die `Ramones´, dann `Shame 69´, im Anschluss die `Toy Dolls´ und zum Schluss `Danko Jones. Man hätte meinen können, dass nur Punk-Rocker den Weg zu Karls Königreich herauf gefunden hätten. Aber Fehlanzeige. Selbst älteres, trachtbesetztes Publikum saß in Eintracht bei Bier und Dreiakkordmusik beisammen und zeigt sich noch nicht einmal im Ansatz davon beeindruckt. Nach `Danko Jones´ ist ein Filzhut aufgestanden, drehte die Musik leiser und lachte dem Karl zu. Und wie verabredet wurden die Instrumente herausgeholt und gemeinsam alpenländisch musiziert. Musik wird auf der Hütte eh groß Geschrieben.Neben diversen Volksmusik-CD´s hat Karl ein neues Projekt am Laufen. Seine Punk-Band nennt sich `El Carlos´ und hat es sogar bis nach Berlin ins `White Trash´ geschafft. Selbst Karls eigens hergestellter Käse ist in Gitarrenform.

OLYMPUS DIGITAL CAMERADrittens: Die Schlittenabfahrt zurück durchs Dunkle zum Wagen. Ein eigener Schlitten ist dabei nicht mitzuführen. Karl hat die ganze Scheune voll davon. Gegen ein kleines Entgelt entleiht man sich das Gefährt, setzt sich die Stirnlampe auf und saust hinunter zum Parkplatz. Dort angekommen wird das Gefährt an einen Zaun gelehnt. Wer hochläuft nimmt einfach wieder einen mit. Nach diesem Ausflug sind meine Kinder postwendend, kaum das sie in ihren Sitzen saßen, eingeschlafen.

Ich versuche Tim und Adrian diesen Abend in Erinnerung zu rufen, ihnen das freigeistige Wesen des Allgäuer Hüttenwirtes in kindgerechter Sprache zu erläutern, Brücken zu schlagen und verliere mich im Detail.
„Ja ein Punk ist, ist. Also…“, stammle ich hilflos vor mich hin.
Adrian hebt müde den Kopf und schaut mich erleichtert an. „Du Papa ich kenn auch einen Punk, glaube ich!“ Staunend setzte ich mein Glas ab.
„Und wen?“, will ich wissen.
„Die Pipi Langstrumpf, die macht auch alles, so wie sie will. Die hat sogar rote Haare!“
„Stimmt!“, rufe ich begeistert aus.
„Das wäre ja auch echt schneller gegangen, Papa. Dann können wir ja jetzt endlich in die Falle!“, tadelt mich Tim, schnäuzt sich, nimmt seinen Bruder an die Hand und geht gemeinsam mit ihm ins Bett.
Ein freches Mädchen: Inger Nilsson als Pippi Langstrumpf

Bildnachweis:

1. Schild: CFalk/pixelio.de, 2. Hund: chefkoch.de, 3. Punkerin: drizzd/pixelio.de, 4. Handyupload: el carlos/facebook, 5. Kappeler Alp: Nesselwang Marketing GmbH, 6. /7. Weihnachtsbaum/Cover: el carlos/facebook, 8. Schlitten: Peter Smola/pixelio.de, 9. Pipi Langstrumpf:tvmovie.de. Alle Rechte der Bilder liegen bei den Urhebern. Verwendung nur mit Genehmigung der Urheber!

Bildauswahl: Ingrid Rösner

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Florian Herb

Florian Herb

Florian Herb. Jahrgang 1971. Verheiratet. Zwei Söhne. Eigentlich Berliner. Hat jedoch am 07. September 2013 um 06:47 auf der Alpspitze nach zweijähriger Akklimatisierungphase beschlossen, dass er nun auch Nesselwanger ist. Was soll er auch woanders? Im Hauptberuf Hausmann. Im Nebenberuf Autor. „Männerwirtschaft“ Ullstein Verlag 2013 ist sein Debüt und ein teilautobiographischer Frontbericht über den Ausnahmezustand Elternzeit. Sein neuer Roman "Liselotte, Frau Nowak und der Grieche" erscheint am 10. März 2014. www.facebook.com/herbflorian www.ullsteinbuchverlage.de

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Da brennen die Schenkel – Die Bayerischen Behörden-Skimeisterschaften aus Bürgermeistersicht

Bürgermeister Nesselwang Franz Erhart

Heute will ich’s wissen. Meine Zeit als Skilehrer ist zwar schon einige Jahre her, aber trotzdem verlässt einem das Wettkampf-Fieber nie. Heute kommt die “Konkurrenz” aus ganz Bayern – zu den 43. Bayerischen Behörden-Skimeisterschaften in Nesselwang im Allgäu. Als Bürgermeister eines Wintersportortes gehöre ich selbstverständlich auf die Piste – mitsamt meinem Hauptamtsleiter, meinem Kämmerer, meiner Vorzimmerdame und noch einigen mehr aus dem Rathaus. Da wird nicht gekniffen ;-).

Nesselwang Behörden-Skimeisterschaften

Mein Rathaus-Team und meine Frau Marianne, die uns anfeuern wird!

Gutes Training ist die halbe Miete

Ein bißchen trainiert hab’ ich schon, geb’ ich zu, sonst wird’s schwierig, nach dem 8. Slalomtor noch gscheit in die Kurven zu gehen. Mensch, die Piste schaut richtig gut aus – und was für ein Kaiserwetter dazu. Am Dienstag haben wir uns entschieden, die Meisterschaften auszutragen, das war knapp. Frau Holle hat in dieser Saison das Deckenschütteln vernachlässigt. Aber besser wie heut könnt’s wirklich nicht sein.

Super Piste!

Super Piste!

Die ersten fahren sich schon warm, also nichts wie rauf auf den Berg. Da treffe ich schon einige Teilnehmer mit ihren Leible. Meines trägt die Startnummer 147, also irgendwann nach der Mitte bin ich dran, denn 280 Teilnehmer werden an zwei Tagen im Riesenslalom in der Mannschafts- und Einzelwertung gegeneinander antreten.

Bayerische Behörden-Skimeisterschaften Nesselwang

Natürlich sind viele dabei, die ich schon seit Jahren kenne, auch meine Kollegin aus dem Nachbarort ist nach Nesselwang gekommen, um ihr Rathaus-Team anzufeuern.

Meine Bürgermeisterkollegin Michaela Waldmann aus Pfronten

Meine Bürgermeisterkollegin Michaela Waldmann aus Pfronten

Noch kurz oben den wunderbaren Ausblick genießen. Hier spüre ich immer besonders, dass das meine Heimat ist. Hier atme ich auf und spüre die Weite. Ich könnte mir nicht vorstellen, woanders hin zu gehen und auf dieses Gipfelpanorama, die Seen und die Menschen hier zu verzichten.

Mein Zuhause - schöner geht's nicht!

Mein Zuhause – das hat der liebe Gott einen besonders schönen Flecken geschaffen!

Nach ein paar Runden geht’s auf zum Start. Der Skiklub Nesselwang mit seinem Team hat den Wettkampf wie immer professionell vorbereitet. Die Helfer sind alle ehrenamtlich im Einsatz. Vielen Dank für Eure Unterstützung!

So, der nächste bin ich!

So, der nächste bin ich!

Maria Höfl-Riesch wird immer dafür gelobt, sich ganz auf den Moment fokussieren zu können. Das versuche ich jetzt auch mal.

3,2,1 und los!

3-2-1 und los! Die Tore schön eng nehmen, keine Zeit verlieren. So ein bißchen Lampenfieber schadet nicht, das läuft doch ganz gut.

Nesselwang Winter

Uuahh, die Schenkel brennen. Aber gleich hab ich’s…

Uahh, die Schenkel brennen. Aber gleich hab ich's geschafft!

Geschafft! Die Zeit: 48:10 Sekunden in der Mannschafts-, 47:45 Sekunden in der Einzelwertung – damit bin ich sehr zufrieden. Dass ich damit bei der Einzelwertung in meiner Altersklasse auf den 1.Platz gefahren bin, hätte ich nicht gedacht. War das der Heimvorteil?

Bayerische Behörden-Skimeisterschaften Nesselwang

Wenn der Kämmerer kommt, wirbelt’s den Schnee hoch!

Die Anspannung ist weg, jetzt macht’s richtig Spaß zum Zuschauen. Da kommt auch schon “mein” Kämmerer Martin Keller angedüst. Er ist der Hauptorganisator der Skimeisterschaften in Nesselwang. Ich hab’ einfach ein Top-Team!

Bestes Wetter für die netten Teams aus ganz Bayern, hier das Herren-Siegerteam aus Berchtesgaden

Bestes Wetter für die netten Teams aus ganz Bayern, hier das Herren-Siegerteam aus Berchtesgaden

Samstagnachmittag Schellengeläut im neuen Passivhotel Explorer Neuschwanstein direkt am Fuße der Alpspitze. Nein, kein Viehscheid, sondern Siegerehrung für die Mannschaften und Einzelläufer. Das mach’ ich richtig gerne: Mit netten Leuten sein, reden und die ein oder andere Pointe setzen.

Siegerehrung im neuen Hotel Explorer

Siegerehrung im neuen Explorer Hotel Neuschwanstein

Im Teamwettbewerb der Damen haben die Oberstauferinnen gezeigt, was sie drauf haben, bei den Herren hatte der Bürgermeister aus Berchtesgaden mit seinem Team die Nase vorn.

Bayerische Behörden-Skimeisterschaften

Diese Damen haben Ausdauer: Das Siegerteam aus Oberstaufen. Im Hintergrund Karl Schmid vom Skiklub Nesselwang

Das waren zwei richtig tolle Tage und ich glaube, den Teilnehmern hat es auch sehr gut gefallen. Jetzt werd ich mir noch eine kleine gemütliche Pause in der Sonne gönnen. Und wen treffe ich da? Meinen Hauptamtleiter! Na, dann lassen wir jetzt den Abend zusammen ausklingen…

Bayerische Behörden-Skimeisterschaften

Mein Hauptamtsleiter Helmut Straubinger genießt die Sonne!

Danke an alle Teilnehmer und die Organisatoren! Die 43. Bayerischen Behörden-Skimeisterschaften waren einfach super! Und vielleicht hat der ein oder andere Lust, wieder zu uns nach Nesselwang zu kommen. Ich würd mich freuen, wenn wir uns auf der Piste treffen!

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Franz Erhart

Franz Erhart

Grüß Gott alle miteinand! Ich bin der Bürgermeister vom Markt Nesselwang. Hier bin ich daheim. Ich geh' gern zum Radeln, Schwimmen, Wandern und im Winter zum Skifahren, ganz klar. Ich könnte mir niemals vorstellen, irgendwo anders zu wohnen. Nesselwang bietet für mich alles, was mir gut tut.

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Flori bloggt Kapitel 5: Maskottchen

Brasilien hat das mangaartige Kugelgürteltier `Fuleco´ als Maskottchen für die Fußballweltmeisterschaft 2014. Sein Name setzt sich irrsinnigerer Weise aus den beiden brasilianischen Wörtern für `Fußball´ und `Ökologie´ zusammen. Aber man muss nicht alles auf der Welt nachvollziehen können.

Sotchi MaskottchenSotchi hat für seine Olympischen Winterspiele gleich drei davon. Was auch irgendwie zu erwarten war. Das Land ist groß, kalt und die Menschen benötigen etwas, an dem sie sich festhalten können. Da wären: Ein etwas linkisch dreinblickender Hase, dem alles zuzutrauen ist, ein vermeintlich gutmütig wirkender Bär sowie ein Schneeleopard – der Hasardeur des ungleichen Trios. Lässig lehnt er an ein Snowboard. Aber sicherlich beherrscht er auch die Sportarten Judo und Eishockey aus dem Effeff und geht gerne mal oben ohne Angeln. Im Rahmen einer Fernsehshow durfte das Volk aus elf Vorschlägen ihre Lieblinge herauswählen – so viel Demokratie gab es in diesem Land noch nie.

Florian skispringendUnd Nesselwang? Nesselwang hat sein Eichhörnchen Florian. Meinen Namensvetter – und das ist nicht der einzige Grund, warum ich mich ihm verbunden fühle. Florian ist ein possierliches Tier, von rotbrauner Färbung, mit einem üppigen Backenbart in der lebendigen Form und einem kecken weißen Streifen, der sich vom Hals, über den Bauch bis hin zur buschigen Schwanzspitze fortsetzt. Was er im Frühjahr, im Sommer und im Herbst treibt weiß ich nicht. Aber sobald die Tannen unter der Last des Schnees ächzen, die Pisten rund um die Alpspitzbahn Nesselwang bestens präpariert sind, steigt er in seine gelben Skischuhe, schnallt die Skier an und kommt meistens auf Höhe des Maria Trost Weges aus dem Wald direkt auf die Piste geschossen. Sportlich, wie er ist, setzt er die Kanten gekonnt in den Schnee, kommt zum Stehen, lässt seinen Blick über das Wintersporttreiben schweifen und winkt freundlich den staunenden Kindern zu. Dann nimmt er wieder Fahrt auf, fährt mit eleganten Schwüngen den Berg hinab und reiht sich wie selbstverständlich in die Liftschlange ein. Wie ein Popstar wird er von den kleinen Skinovizen umringt und zaghaft berührt. Florian liebt Kinder – von ihnen ist auch am meisten zu erwarten.

2008-01-10-Feuerwehrzug+Gruppe2Letzten Winter, als Adrian seinen ersten Skikurs im Allgäu besuchte, wollte er anfangs nicht so recht – bis Florian die Szenerie betrat. Adrian war gerade gestürzt, als sich ein wuscheliges Etwas über ihn beugte, aufmunternd die Pfote reichte und ihm aufhalf. Es war Liebe auf den ersten Blick. Selbst durch Adrians verrutschte Skibrille konnte ich sein Erstaunen in den Augen, das sofort in Begeisterung umschlug, aus dreißig Metern Entfernung sehen. Der Wind trug sein Juchzen zu mir. Was dann passierte, hatte ich zuvor nur bei Konrad Lorenz und seinen auf ihn geprägten Gänsen im Biologieunterrichtvideo gesehen gehabt. Ab diesem Moment war Adrian nicht mehr von Florians Seite zu bekommen. Frühkindliche Prägung. Anfangs hatte seine Skilehrerin Vroni noch versucht ihn wieder in die Gruppe zu integrieren. Vergeblich. Kaum war er am Ende des Liftes angelangt, wartete Adrian so lange bis Florian auftauchte und fuhr ihm einfach hinterher. Nach einer Stunde gaben alle Beteiligten auf und ließen die beiden gewähren. Den Rest der Woche wurde Adrian jeden Morgen gestenreich von Florian begrüßt. Gemeinsam fuhren sie den Tellerlift hinauf und fuhren unzählige Male den Kinderhügel hinab. Am Donnerstag beherrschte Adrian die Pizzaschnitte in Perfektion und am Freitag war es nicht ich, sondern Florian, der ihn als erstes umarmen durfte als er beim Kursabschlussrennen den zweiten Platz belegt hatte. Ja, ich gebe es zu, ich war eifersüchtig. Seit dem Skikurs geht Adrian als Eichhörnchen zum Fasching.

FloriEs ist Freitag vierzehn Uhr fünfzehn. Der schönste Tag und die schönste Uhrzeit im Allgäuer Winter. Finde nicht nur ich, sondern auch meine beiden Söhne. Denn genau zu diesem Zeitpunkt gehört der Berg allwöchentlich den Kindern. Und das haben wir Hanse zu verdanken, dem Leiter der Skischule Nesselwang. `Snow-Kids´ nennt er sein Wintersportprogramm für die einheimischen Sprösslinge. Anstatt das Wochenende vor den Spielekonsolen einzuleiten, trommelt er Buben und Mädchen zusammen, ordnet sie nach Können und Vermögen seinem unermüdlichen Team zu und dann geht es rauf und runter, quer durch den Wald, hinein in den Schanzenpark, ab in den Tiefschnee, dass es nur so eine Freude ist. Erwachsene dürfen da leider nicht mitmachen. Aber allein dabei zuzuschauen, wie knapp einhundert Kinder den Berg herunterbrettern, lässt mein Herz jedes Mal höher schlagen. Einen schöneren Anblick gibt es für mich nicht. Und da es Adrian ähnlich sieht und er seinem älteren Bruder Tim, der mitten im Kindergewusel steckt, nahe sein will, stehen wir hinter der letzten Gruppe an der Kombibahn der Alpspitzbahn an und warten auf die Gondel. „Papa, wo ist denn nur Flori?“ Eine berechtigte Sorge meines Sohnes. Ich habe ihn seit den Weihnachtsferien auch nicht mehr gesehen. Ich drehe meinen Kopf und halte nach ihm Ausschau. Vergeblich.
„Da! Da ist er, Papa!“ Gefolgt von einem Schrei, der mir, selbst durch die Ohrschützer meines Skihelmes, Schmerzen bereitet. Adrian lässt seine Skier und Stöcke fallen, zwängt sich durch die aufgehenden Türen der Gondel und wirft sich Florian ans Fell. Ich klaube schnell das Material vom schneebedeckten Boden und eile ihm in die Kabine hinter her.

Florian auf der Piste„Ich glaube, Florian wollte hier eigentlich aussteigen, Adrian.“
Beide schütteln ihre Köpfe. Auch gut. Ich setzte mich und betrachte amüsiert das ungleiche Paar.
„Rate mal was ich jetzt schon kann, Flori?“ Adrian sitzt mittlerweile auf Florians Schoß.
Unser Maskottchen schüttelt fragend den Kopf und zuckt mit den Schultern.
„Von ganz oben, bis ganz unten runterbrausen, und sogar Schanze!“ Florian klatscht anerkennend in die Pfoten, knuddelt seinen größten Fan und deutet ihm mit einer Geste an, ob sie das nicht jetzt zusammen machen sollten. Mein Sohn gibt dem Eichhörnchen einen Kuss auf den Backenbart.
„Aaaaaaachhhhhh, dat is ja soooooooooo süß! Jetzt guck doch auch mal, Schnubbi!“ Rheinländischer geht es nicht mehr.

Alpspitzbahn NesselwangErst jetzt bemerken wir das ältere Paar, das uns gegenüber sitzt. Sie trägt blauschwarzen Pelz, eine ausladende Kopfbedeckung auf ihrem platinblonden Haar, als wären wie hier beim Pferderennen in Ascot und pinkfarbene Highheels mit Mörderabsätzen. Ihr Begleiter steckt in einem hochmodernen, lackschwarzen Daunenanorak mit Webpelzkragen (in Wahrheit vielleicht aber auch chinesische Katze), eine dazu korrespondierende Polarmütze, Designerjeans und schwarze Lederslipper mit Bommeln daran.

Umringt werden sie von ihren vier Louis Vuitton Koffern. Die Dame zückt ein mit Strass besetztes Smartphone aus ihrer Handtasche. Wie ordentliche Einheimische rücken wir drei näher aneinander, setzen unser schönstes Lächeln auf und lassen uns ungefragt ablichten. Dann muss Schnubbi die Aufnahmen betrachten und kommentieren. Das Eichhörnchen lehnt sich ein wenig vor und zwinkert mir zu. Ich zwinkere zurück. Denn was gleich folgen wird, lassen wir uns mit Sicherheit nicht entgehen.

BergLodge WinterDenn seitdem das altehrwürdige Sportheim Böck an der Bergstation an einen städtischen Investor verkauft und von ihm – gelungener Weise wie man zugeben muss – zu einer sogenannten BergLodge umgebaut wurde, weht auch bei uns ein wenig Ischgler Luft. Die Anreise gestaltet sich bis zur Talstation problemlos. Es gibt sogar einen eigenen Parkbereich. Dann wird es ein wenig knifflig. Um genauer zu sein, ab der Mittelstation. Hier stellt sich folgende Frage: wie bekommen unsere mondänen Gäste mit ihrem asphalttauglichen Schuhwerk, sich selbst und ihr Gepäck von der Kombibahn I durch den Schnee zur Kombibahn II, und das dazu noch möglichst elegant. Wenn dies geschafft ist, folgt Häkchen Nummer zwei. Denn oben angelangt geht es noch ein Längeres bergab über die Piste, bis sie endlich verschwitzt zu ihrem Refugium gelangen, in dem sie sich von den Strapazen der Anreise erholen können.

Florian hebt seine Augenbrauen und deutet amüsiert auf die Koffer. Auch ich bin voller Vorfreude. Und wir werden nicht enttäuscht. Aber wir wären schlechte Gastgeber, wenn wir nicht im entscheidenden Augenblick der Eskalationsspirale eingreifen würden. Schließlich hatten wir unseren Spaß.

438469_original_R_by_Rike_pixelio.deWährend Florian galant Frau Schnubbi umsorgt und ihren Absatz aus dem vereisten Schnee befreit, steige ich aus der Bindung, setze Adrian auf einen der Überseekoffer und kümmere mich um Herrn Schnubbi. Die Betablocker finden wir im Gepäckstück Nummer drei und nach einer kurzen Akklimatisierungsphase setzen wir gemeinsam den Weg fort. Ich komme mir vor wie ein Sherpa aus dem Himalaja.

Als ich den letzten Koffer in der holzgetäfelten Stube abgestellt und freundlich, aber bestimmt das Trinkgeld verweigert habe, eile ich nach draußen zu Adrian und Florian. Nur sind sie dort nicht mehr. Nein halt – ich sehe gerade noch einen puscheligen Schwanz und den feuerroten Helm meines Jüngsten, die hinter dem weißen Horizont der Talabfahrt entschwinden. Ich rufe ihnen hektisch hinterher, verheddere mich mit meinen Ski und falle in den Schnee.
„Mensch Papa, du bist so peinlich!“
Es ist Tim mit seiner Skigruppe, die mich von oben herab anstarren.
„Nehmt ihr mich denn wenigstens mit?“, rufe ich ihnen hinterher. Alle, und selbst Vroni, die Skilehrerin schütteln ihre behelmten Köpfe. Aber wie bereits erwähnt – Freitagnachmittag gehört der Berg den Kindern.

Flori mit KinderBildnachweis:

3.-7.,10.: Nesselwang Marketing GmbH, Skischule Nesselwang, Florian Herb, 8. BergLodge: Günter Standl/BergLodge Nesselwang, 9. Highheels: Rike/pixelio.de. Alle Rechte der Bilder liegen bei den Urhebern. Verwendung nur mit Genehmigung der Urheber!

Bildauswahl: Ingrid Rösner

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Florian Herb

Florian Herb

Florian Herb. Jahrgang 1971. Verheiratet. Zwei Söhne. Eigentlich Berliner. Hat jedoch am 07. September 2013 um 06:47 auf der Alpspitze nach zweijähriger Akklimatisierungphase beschlossen, dass er nun auch Nesselwanger ist. Was soll er auch woanders? Im Hauptberuf Hausmann. Im Nebenberuf Autor. „Männerwirtschaft“ Ullstein Verlag 2013 ist sein Debüt und ein teilautobiographischer Frontbericht über den Ausnahmezustand Elternzeit. Sein neuer Roman "Liselotte, Frau Nowak und der Grieche" erscheint am 10. März 2014. www.facebook.com/herbflorian www.ullsteinbuchverlage.de

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Auch mit wenig geht viel – Cross Country Skiing

Winter NesselwangEs braucht gar nicht viel Schnee, und das Winterfeeling stellt sich ein…..
Ein sonniger Tag, eine Stunde Zeit, ein paar Langlaufski und los geht`s in`s Wintervergnügen….!Country SkiingLoipen sind noch keine gespurt, aber bei der geringen Schneehöhe ist es leicht, querfeldein zu laufen, den Weg selber zu wählen, den Hasen und Rehspuren hinterher – Cross Country Skiing im wahrsten Sinne des Wortes ….
Gleich an unserem Haus in Nesselwang ziehe ich die Ski an und laufe erst mal am Bach entlang den Taleinschnitt bis zum alten Fußballplatz, von dort Richtung Bayerstetten, der kleine Weiler liegt verträumt im glitzernden Schnee.
Bachlauf NesselwangEs gibt viel zu entdecken unterwegs: Der vereiste, dampfende Bachlauf,  der Hagebuttenbusch mit seinem eisigen Schmuck, der gefrorene Halm vom Wiesenschaumkraut wird zum Kunstwerk unter „Väterchen Frost”,  ein Kreisler, der auf dem Feld überwintert, die Spuren der Tiere im Schnee.

Hagebuttenbusch NesselwangEs waren schon Hasen, Rehe und  Krähen unterwegs heute morgen, auf der Suche nach Futter. Ich erkenne die freigescharrten Plätze, wo sie ein wenig Gras geknabbert haben.

DSCF2498Bei Bayerstetten überquere ich einmal die Straße und halte mich querfeldein Richtung Feriendorf Reichenbach. Der Grünten grüßt aus der Ferne, mit seiner Madonna-Schutzmantel-Haltung macht er seinem Namen „Wächter des Allgäus“ alle Ehre.

Grünten AllgäuHinter Reichenbach steige ich über einen Zaun und werfe noch einen Blick auf die tief unten gurgelnde Wertach, bevor ich mich auf den Heimweg mache.Dieser gestaltet sich einfacher, da ich in meiner Spur zurück laufen kann.

Schnee AllgäuSchon lange habe ich mich von dem (bei vielen Menschen vertretenen) Anspruch gelöst, dass Rundwege abwechlungsreicher seien, als den selben Weg hin und zurück zu laufen. Ich weiß, dass derselbe Weg in der anderen Richtung begangen, ganz neue Ausblicke schenkt.

Winter Nesselwang SonneSo genieße ich jetzt auf dem Rückweg den Blick auf die majestätische Allgäuer Alpenkette, den Kirchturm von Nesselwang, atme tief durch und fühle mich einmal mehr beschenkt in dieser Gott gesegneten Landschaft leben zu dürfen.

Schwungvoll nehme ich die letzte „Abfahrt“, die Halde vom Nesselwanger Hof, zu unserem Haus hinunter und fühle mich bereit für den Tag. Diese Stunde kann mir niemand mehr nehmen, sie gibt der anstehenden Arbeit im Büro in der Skischule das gute Gegengewicht…..

Heide Langlauf

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Heidi Ebentheur

Heidi Ebentheur

Ich bin die Heidi, nein, nicht die Heidi von der Alp, aber wir haben durchaus manches gemeinsam…. In Nesselwang geboren und auf einem Bauernhof aufgewachsen wurde mir die Liebe zur Natur und ihren Rhythmen in`s Herz gepflanzt. Schon als Jugendliche bin ich in die Skilehrertätigkeit hinein gewachsen und genieße meinen jährlichen „Tapetenwechsel“ zwischen meiner Arbeit als Physio- und Fußreflexzonentherapeutin in den schneefreien Monaten und als Skilehrerin im Winter. Das draußen sein im Schnee, das Vermitteln von Freude am Skifahren in unserer herrlichen Landschaft erfüllt mich mit Dankbarkeit und macht mir viel Spaß.

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Ein Wintertag als Bäuerin…

668847_original_R_by_Guenter Hamich_pixelio.deHalb sechs Uhr morgens – der Wecker klingelt. Erschrocken spring ich auf. Was ist los? Hab’ ich verschlafen? Muss ich in die Schule?? Nein, heute ist doch Sonntag! Dann kommt mein Vater rein. „Bisch scho auf?“
Ach ja…da hab ich doch glatt was vergessen. Extra für euch hab ich mich ja darauf eingelassen, meinen Vater einen Tag lang bei seiner Arbeit zu begleiten. Wir haben einen Bauernhof in Nesselwang.So kann ich Euch einen Einblick in einen modernen Allgäuer Milchwirtschaftbetrieb geben. Also los geht’s, auf in den Stall!

Kühe NesselwangNoch ziemlich verschlafen ziehe ich mich schnell um, und beginne mit der Arbeit. Gott sei Dank muss man die Milchkanne immer erst abends sauber machen. Jetzt ist noch die Milch vom Vorabend drin.

IMG_3210 - KopieMein Vater fängt an, die Kühe zu füttern, mein Bruder beginnt mit dem Melken. Und ich muss misten. Naja, irgendeiner muss es ja machen und eigentlich ist es gar nicht so viel. Man muss nur den Mist aus den Liegeboxen rausziehen, der Rest wird automatisch in die Güllegrube befördert.

IMG_3195 - KopieEin Gähnen zwischendurch. Oh Mann, es ist echt verdammt früh…Durchhalten Lisa! Bald gibt’s Frühstück! Dann ist endlich meine Lieblingsbeschäftigung dran. Die Kälbchen füttern!

Allgäu Kuh KälbchenEiner ist noch ziemlich klein und hat noch nicht ganz raus, wie das mit dem Eimer und dem komischen Teil vorne dran funktionieren soll. Aber er kriegt es schließlich doch hin.

Kälbchen AllgäuDann muss noch der Melkstand sauber gespritzt werden und ENDLICH sind wir fertig.
Es ist jetzt viertel vor acht. Daheim hat meine Mutter schon das Frühstück hergerichtet. Normal hab ich morgens nicht so viel Hunger, aber heut hau ich richtig rein!

223511_original_R_K_by_Robert Babiak_pixelio.deWeil heut Sonntag ist, kann ich es mir vorerst auf dem Sofa zu Hause in Nesselwang gemütlich machen. (Ich weiß schon, warum ich mir genau diesen Tag ausgesucht habe!) Aber nicht lang.  Um zehn müssen wir schon wieder in den Stall und nach dem Rechten sehen – den Kühen ihr Futter hinschieben.

Da kommt die Überraschung!

Allgäuer KüheEine Kuh hat ihr Kälbchen bekommen, das wir jetzt erstmal füttern müssen. Dann muss die Kuh gemolken werden. Ausgerechnet am Sonntag! Erst dann können wir wieder heim. Dort helfe ich meiner Mutter beim Kochen…es gibt Rouladen mit Spätzle, mmhhh!
Insgesamt ist es ein sehr entspannter Tag. Auf dem Sofa lässt es sich schon aushalten mit Wintersport im Fernsehen. Aber ausgerechnet als Damen-Biathlon beginnt, kommt mein Vater und holt mich und wir gehen – wohin auch sonst? – in den Stall.

IMG_3201 - KopieDas Futter für den Abend muss vorbereitet werden. Eigentlich können wir gleich ganz im Stall bleiben. Und es geht alles wieder von vorne los. Nur, dass dieses Mal die Milchkanne sauber gemacht werden muss. Die Milch wurde am Vormittag abgeholt.

IMG_3190 - KopieIMG_3178 - Kopie

IMG_3179 - Kopie

Als wir wieder heim kommen, ist es viertel nach sieben und es gibt Abendessen. Der Tag ist vorbei. Für das, dass ich eigentlich weiß, wie der Tagesablauf eines Allgäuer Landwirts ist, hab ich ganz vergessen wie nervig es sein kann, wenn man ständig wieder in den Stall muss. Man kann nicht einfach morgens anfangen und dann ist man fertig für den Rest des Tages. Nein, man muss in regelmäßigen Abständen wieder zu den Tieren schauen. Auch sonntags. Wobei Sonntag ja noch harmlos ist. An jedem anderen Tag kann man nicht einfach aufs Sofa liegen und nichts tun. Vor allem im Sommer nicht. Da hat mein Vater zum Teil noch länger zu tun.

IMG_3203 - KopieFür mich wär das, glaub ich, nichts. Aber genau deswegen ist ja auch mein Bruder der Landwirt und nicht ich.

Bildnachweis:

1. Wecker: Günther Hamich/pixelio.de; 7. Katze: Robert Babiak/pixelio.de; alle anderen Fotos: Lisa Bayrhof. Alle Bildrechte liegen bei den Urhebern!

 

 

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Lisa & Lea

Lisa & Lea

Hey ho Ihr Erdbewohner! Wir sind Lisa (re.) und Lea (li.) und wir kommen vom Mars – oder vielleicht auch doch nur aus Nesselwang. In diesem schönen Örtchen gibt es auch einen Trachtenverein, mit dem wir oft unterwegs sind und dabei auch immer viel Spaß haben. Wir beiden platteln seit zwei Jahren leidenschaftlich. Damit verbunden sind natürlich viele Brauchtümer und Traditionen, die wir Euch gerne näher bringen wollen. Also viel Spaß beim Lesen unserer Blogs!

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Herzallgäuerliebste Schneeschuh-Tour am Alpspitz in Nesselwang

Es ist Sonntag Morgen, die Sonne lacht vom strahlend blauen Himmel auf uns herab, als wir uns auf den Weg nach Nesselwang machen. Dort angekommen, begrüßen wir unseren Tour-Guide Gerhard – quasi ein Nesselwanger “Urgestein”, der uns mit auf den Alpspitz nimmt.

Wir 5 auf Tour!

Wir 5 auf Tour!

Bequem erreichen wir nach wenigen Minuten mit der Alpspitz-Bahn den Edelsberg und sind erst einmal überwältigt von dieser Aussicht, dem Bergpanorama, das vor uns liegt.

Wir haben es nicht eilig und lassen uns erst einmal von Gerhard erklären, welche Gipfel denn nun da vor uns liegen. Die Fernsicht ins Allgäu heute ist einfach traumhaft und wir kommen aus dem Staunen kaum heraus.

Wow, was für eine wunderschöne Aussicht!

Wow, was für eine wunderschöne Aussicht!

Der Forggensee, Hopfensee und sogar das Schloss Neuschwanstein können wir, nachdem es von der Sonne angestrahlt wird, erkennen. Die Zugspitze und die Berge des Lechtals liegen klar vor uns und wir sind sehr beeindruckt von diesem Panorama.

Einfach atemberaubend!

Einfach atemberaubend!

Nachdem uns Gerhard ein paar Informationen zur Umgebung gegeben hat, schnallen wir uns die Schneeschuhe an und machen uns auf den Weg zum Alpspitz.

Wir setzen Fuß vor Fuß

Nesselwang20 (1)

Der Schnee unter unseren Schuhen knarzt und glitzert märchenhaft in der Sonne. Immer wieder halten wir an, um uns umzusehen und die Natur auf uns wirken zu lassen – einfach herrlich!

Erhaben über alle Gipfel!

Erhaben über alle Gipfel!

Natürlich hält Gerhard auch ein paar geschichtliche Daten für uns fest und wir erinnern uns an so manches wieder, was wir vielleicht schon einmal gehört haben.

Wir werden leise, ganz still und hoffen, vielleicht sogar ein paar Gemsen zu sehen, die dort um den Alpspitz herum “wohnen”, aber leider haben es sich diese heute anders überlegt.

Der Wächter des Allgäus: Der Grünten

Der Wächter des Allgäus: Der Grünten

Wir halten wieder inne und genießen eine traumhafte Sicht zum Wächter des Allgäus, dem Grünten, bis hinein in die Allgäuer Bergwelt. Die Sonne scheint uns ins Gesicht und wir genießen einfach den Augenblick, die Stille und vergessen um uns herum den Alltag und erfreuen uns an der wundervollen Natur, die uns auf unserer Tour begleitet.

Wir haben so viel Spaß!

Wir haben so viel Spaß!

Wir machen eine Pause und bekommen von Gerhard eine “Heisse Liebe” (einen feinen Tee) – mmmmhhh, das schmeckt und wärmt uns von innen auf.

Mmhhh herrlich, so eine heiße Liebe!

Mmhhh herrlich, so eine heiße Liebe!

Wir lachen, haben Spaß und erzählen uns Anekdoten, die uns zum Schmunzeln bringen.

Der Alpspitz mit seinem Gipfelkreuz liegt direkt vor uns und wieder genießen wir einfach nur den Augenblick. Die Bergkette scheint an diesem Tag unendlich lang zu sein.

Unter'm Gipfelkreuz der Alpspitz

Unter’m Gipfelkreuz der Alpspitz

Ein wunderschöner Tag – für immer im Bild festgehalten!

Nesselwang7 948x404 Settmachers vor Alpspitz

Nesselwang9 1288x404 Domino-Spiel

Und nach einem weiteren “Alpspitz-Gruppenfoto” …… spielen wir noch Domino! – Spaß muss sein!

Nach ca. 2 Stunden machen wir uns wieder auf den Rückweg und kehren noch im Sportheim Böck ein. Eine “richtig guate Gulaschsupp´”, das ist das, was wir jetzt gut gebrauchen können.

Genau, was wir uns jetzt wünschen!

Genau, was wir uns jetzt wünschen!

Und weil der Tag ganz im Zeichen des Genusses steht, gönnen wir uns hinterher auch noch einen feinen hausgemachten Kaiserschmarrn. Das ist Allgäu pur!

Während wir es uns dort ein wenig gutgehen lassen und die Aussicht genießen, erzählt uns Gerhard noch vieles über Nesselwang und wir sind immer noch ganz fasziniert, wie viel er weiß – ja man kann schon fast sagen: “Ein wandelndes Allgäuer Lexikon” – ob wir uns das alles merken können? Wenn nicht, kommen wir einfach wieder.

Frisch gestärkt verabschieden wir uns vom Alpspitz und der herrlichen Allgäuer Bergwelt und fahren wieder ein Stück mit der Alpspitzbahn hinunter zum Enzianstüble.

Der Abstieg ins Tal

Der Abstieg ins Tal

Die Skisaison ist eröffnet und erfreut so manches Wintersportler-Herz.
Skifahrer, Snowboarder, Tourengeher und Schneeschuh-Wanderer, wie wir es heute sind, begegnen uns auf dem letzten Stück, das wir zu Fuß bis ins Tal hinunter gehen.

DSC_0761.JPG Sonnenbild

Glücklich und zufrieden verabschieden wir uns von unserem Tour-Guide Gerhard, bedanken uns recht herzlich und machen uns noch einmal auf den Weg.
DSC_0778 268x404 Engel

Wir besuchen den Nesselwanger Adventsmarkt. Im Schulhof der dortigen Schule sind Holzhütten aufgestellt und einige Vereine halten viele schönen Dinge zum Verkauf bereit. Die Bäume wurden mit Sternen geschmückt, Lichterketten aufgehängt und Tische zum Verweilen adventlich dekoriert.

Natürlich war für die Verpflegung der Adventsmarkt-Besucher bestens gesorgt und so konnte man sich einen feinen Punsch oder Glühwein mit einer frisch gemachten Waffel schmecken lassen und den weihnachtlichen Klängen, z. B. der Jungmusiker lauschen.
Nesselwang14 1023x404 Weihnachtsmarkt Impression1

Eine Feuerstelle wird entzündet und der Duft von brennendem  Holz steigt uns in die Nase. Auch für die Kinder gibt es ein tolles Programm, z. B. das Bilderbuch-Kino mit dem “Grüffelo”.Nesselwang15 852x404 Weihnachtsmarkt Impression2

Welch wunderbarer Ausklang für einen absolut fantastischen Tag in Nesselwang im Allgäu.
Nesselwang17 673x404 Foto Aussichtspunkt

Wir von herzallgäuerliebst haben die Schneeschuh-Tour mit allen Sinnen genossen und empfehlen sie auch gerne an alle weiter, die sich einen schönen Tag in unserer grandiosen Allgäuer Alpwelt machen wollen.

Auf dem Heimweg halten wir noch am Aussichtspunkt an und genießen die Abenddämmerung, die über Nesselwang hereinbricht und denken noch einmal an die schönen Stunden hier zurück!

Wir sagen *herzallgäuerliebsten* Dank an unserem Guide Gerhard für seine Geduld und nette Führung durch die Nesselwanger Bergwelt!

Wir kommen gerne wieder und wünschen allen einen guten Rutsch ins neue Jahr 2014!

Herzallgäuerliebste Grüße

Saskia Kiefert & Carmen Settmacher

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Carmen & Saskia

Carmen & Saskia

Griaß Di ... wir sind zwei Allgäuer Föhla, Carmen (li.) und Saskia. Schön, dass Du den Weg "ins Allgäu" gefunden hast! Wir genießen das ländliche Leben an den Allgäuer Alpen auf kreative Art und Weise und es würde uns freuen, wenn wir Dich ein bisschen verzaubern und den Charme unserer Hoimat näherbringen könnten. Auf Nesselwang sind wir durch eine schöne Wanderung am Wasserfall gekommen, über die wir in unserem eigenen Blog geschrieben haben. Jetzt gibt's einen neuen Streich von uns...Schau doch mal auch auf unseren Blog, den wir mit ganzer Hingabe pflegen: http://herzallgaeuerliebst.blogspot.de.

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Flori bloggt Kapitel 4: Dahoam isch dahoam!

Nesselwang SeiteEs ist unumgänglich. Meine Frau freut sich die Nase ab, meine Kinder sind aufgedreht, bei mir jedoch löst das Bevorstehende leichten Angstschweiß aus. Wir fahren über das Wochenende nach Stuttgart. Weihnachtsmarktbummel, Weihnachtsresteinkäufe, Freunde besuchen gepaart mit der Tauffeier der kleinen Lucy. Das volle Programm.
Ich bummle im Bad, bummle beim Anziehen, frühstücke in Zeitlupe und lese zum dritten Mal die Seite „Kultur vor Ort“ in der Allgäuer Zeitung durch – die Alphorngruppe des Trachtenvereins “Die Alpspitzler” hat eine neue CD vorgestellt, die Krippenfreunde haben neues Blattgold aufgelegt und der Kinderchor gibt ein Benefizkonzert. Meine Frau küsst mich amüsiert auf die Stirn.
„Du wirst schon sehen Flori, das wird lustig. Und außerdem findest du dort bestimmt Inspiration für deine Arbeit.“

639186_original_R_by_www.clearlens-images.de_pixelio.de„Schon vergessen? Ich war letzten Monat für zwei Tage in Berlin, das reicht an Inspiration für das kommende Jahr.“ Nicht, dass es mir dort nicht gefallen hätte, aber mit dem Stadterlebnis verhält sich für mich wie mit dem Biertrinken. Ich vertrage immer weniger. Und für das Thema Inspiration gibt es die Medien, die ich bequem vom Sofa aus in Nesselwang durchforsten kann.
„Pack schon einmal das Gepäck ins Auto, ich kümmere mich um den Rest!“. Eher ein Befehl, als eine Bitte. Auch die Kinder wollen endlich los.

NachbarnVor dem Haus treffe ich auf meinen Nachbarn. Einen aktiveren Rentner hat die Welt noch nie gesehen – das stereotype Schreckgespenst der Rentenkassen. Er nickt mir kurz zu, hebt den Kopf und blickt in den Himmel. Langsam dreht er sich um die eigene Achse und saugt geräuschvoll die fast schon frühlingshafte Luft durch seine behaarte Nase ein.
„I glaub es kutt a Schneea“, spricht er in den Himmel. Was soviel heißen soll, dass es heute noch schneien wird. Ich schüttle ungläubig den Kopf. „Wirscht scho sehä.“ Ein Grinsen huscht über seine Lippen. Dann kramt er aus seiner Tasche eine kleine Fernbedienung, drückt darauf und fast zeitgleich öffnet sich geräuschlos das Tor seiner Doppelgarage. Der Inhalt blendet mich. Nein, es handelt sich dabei nicht um die Reflektion eines auf Hochglanz polierten Sportwagens, sondern um den wahr gewordene Traum eines jeden Out-Door-Sportfilm-Requisiteurs. „Des muss jetzt alles in den Keller und des Skizeug rauf!“ Er reibt sich voller Tatendrang die Hände und verschwindet in seinem Refugium.

„Bist du so weit, Flori?“ Ich schrecke auf und drehe mich um. Im Wagen sitzt meine gesamte Familie abfahrbereit. Selbst Adrian hat sich schon angeschnallt.
„Ich hole noch schnell ein paar Wintersachen für uns.“
„Wintersachen?“
„Ja. Es wird heute noch schneien.“
Selbst im Haus höre ich meine Frau noch darüber lachen. Aber wenn die Nesselwanger Kindergärtnerin von Adrian den herannahenden Föhn bereits einen Tag vorher im Kopf spürt und das pulsierende linke Knie der Biomarktbetreiberin uns Regen ankündigt, so würde es mich nicht wundern, wenn unser Nachbar bei zehn Grad plus Schnee riechen könnte. Sicher ist sicher.

Auf der Höhe des Eichelberges muss ich wohl eingeschlummert sein. Meine Frau tippt mir frenetisch mit ihren rechten Zeigefinger auf den Oberschenkel. Ich öffne benommen die Augen und stelle erschrocken fest, dass ihr linker ebenso aufgeregt in den Stuttgarter Talkessel deutet. Ich schaue entsetzt auf das Lenkrad und übernehme das Steuer.
„Herrlich, Flori! Oder?!“ Ja, der Anblick kann sich sehen lassen. Aber spätestens in fünf Minuten wird uns das Stadtleben verschlucken. Seltsam, geht es mir durch den Kopf, mit der Stadt verhält es sich wie mit Verwandten. Aus der Ferne versteht man sich am besten. Meine Frau beschleunigt, fädelt sich routiniert in die linke Spur ein und genießt sichtlich das dichte Verkehrsaufkommen. Ich drehe mich um und betrachte meine Kinder, die staunend an den Fensterscheiben kleben, als ob wir kurz vor der Landung auf dem Mars ständen. Als wir dann auch noch ein Parkhaus ansteuern, kennt ihre Begeisterung keine Grenzen mehr. Ich hingegen rutsche nervös auf dem Sitz hin und her.

208120_original_R_K_by_Andri Peter_pixelio.deKaum haben wir den Wagen abgestellt und den Fuß auf die Königsstraße gesetzt schaltet meine Frau auf Autopilot. Sie folgt ihren eigenen Plan. Ich hingegen füge mich in meine zugedachte Statistenrolle ein und umklammere die kleinen Hände meiner Söhne. Zu groß ist meine Angst, dass sie in dem Gewirr verloren gehen. 26082011851Meine Mutter hatte mir in Berlin zu Kiezfesten immer meinen Namen, Adresse und Fernsprechnummer auf beide Unterarme mit Kugelschreiber geschrieben und mich mir selbst überlassen. Ich überlege kurz ob ich nicht einen Edding kaufen soll.
„Ich gehe da kurz mal hinein, Flori. Ihr könnt ja solange zur Miniatureisenbahn am Schlossplatz gehen.“ Und schon ist sie durch die sich selbstständig öffnenden Türen verschwunden. „Mama ist verschluckt!“ Adrian ist außer sich. Tim fängt an zu wimmern. Ich dirigiere die Kleinen behutsam durch die Menschenmassen, die uns wie eine homogene Zellwand umschließen. An der Kasse erstehe ich zur Sicherheit dreißig Jetons, da ich mir nicht sicher bin, wie ich dieses `mal kurz´ von meiner Frau zu interpretieren habe. Wir setzten uns direkt hinter die putzige Dampflokomotive. Der Schornsteinschlot befindet sich auf meiner Augenhöhe. Während ich auf winkende Elternteile schaue, fährt die Bahn ruckelnd an, pustet mir weißen Rauch direkt ins Gesicht und neben meinem rechten Ohr schrillt das Abfahrtssignal. Als ich mich wieder gesammelt habe, knallt mein Kopf an das grüne Pappmaché des ersten Tunnels. Nach vier Fahrten kenne ich jede Schikane.

114331_original_R_by_sprisi_pixelio.deMeine Söhne jaulen vor Vergnügen. Besonders angetan hat es ihnen die Kopie von Schloss Neuschwanstein, die von Dornröschen (oder war es Schneewitchen?) und den sieben Zwergen umringt ist. „Wie Daheim im Allgäu!“ rufen sie jedes Mal freudig aus, wenn wir das Ensemble passieren. Ja, da wäre ich jetzt auch gerne. Irgendwann fallen wir unangenehm auf. Fremde Kinder deuten auf uns. Diskussionen entstehen. „Die dürfen zum mindesten siebten Mal fahren.“, schreit ein Mädchen entrüstet ihre überforderten Erzeuger an. Dann entdecke ich das liebevolle Lächeln meiner Frau in der Menge. Wir steigen ab und verschenken unsere restlichen Jetons. Ich bekomme postwendend mehrere Tüten in die Hand gedrückt und kann meine Kinder nicht mehr an der Hand sichern.

493217_original_R_by_Andreas Dengs_pixelio.de„So, los geht’s, Männer. Wir gehen jetzt zum Weihnachtsmarkt! Kinder, immer dem leckeren Geruch nach. Wir folgen euch.“
Weder Lebkuchengebäck im Discountsupermarkt Mitte Oktober noch ausgefeilte LED-Weihnachtsbeleuchtung Ende November konnten mich bisher in die sogenannte vorweihnachtliche Stimmung versetzen. Wie sollte es das Anfang Dezember ein Weihnachtsmarkt schaffen?! Und noch dabei bei gefühlten fünfzehn Grad und Sonnenschein.

Der Weihnachtsmarkt ist das `Wacken´ der Büroangestellten! Das stammt nicht von mir, sondern aus dem Netz. Jedoch hätte ich es kaum treffender formulieren können. Ich komme mir vor wie auf der Skipiste am sechsundzwanzigsten Dezember. Einen Fehler, den man im Allgäu nur einmal im Leben macht. Nach einer halben Stunde haben wir Tim verloren. Nach einer weiteren wieder gefunden, jedoch fehlt nun Adrian, den wir kurze Zeit später an der Fensterscheibe eines Spielwarenladens klebend ausmachen. Er drückt mich weg, als ich ihn erleichtert umarmen will. „Da Papa, Obi Wan Knoblauch! Aber jetzt Hugo Limo!“

549464_original_R_by_Lichtbild Austria_pixelio.de„Hugo?!“ Plötzlich erinnere ich mich wieder. Als wir vorhin ungelenk Schupfnudeln von Papptellern mit rauen Holzstäbchen zu uns nahmen, drückte sich eine aufgetakelte Frauengruppe an uns vorbei, die lauthals den Namen `Hugo´ riefen und kurz darauf verklebte Gläser, gefüllt mit einer weiß-grünen Flüssigkeit, über den Tresen geschoben bekamen.

„Ich glaube, es reicht den Kleinen. Lass uns zu Annegret und Stephan gehen.“ Ein Vorschlag, den meine Frau kein zweites Mal wiederholen muss.
Annegret und Stephan haben das unerhörte Glück auf der höchsten Stelle des Talkessels ein Mietshaus zu bewohnen, das noch aus der Vorkriegszeit stammt. Der Blick vom Wohnzimmer aus gibt mir die Distanz zur Stadt, die ein Maler zu seinem Modell benötigt, um seine gesamte Schönheit zu erfassen. Ich kann mich nicht satt daran sehen und bekomme unaufgefordert nachgeschenkt.

490589_original_R_by_Michael Horn_pixelio.deAm nächsten Morgen stehen wir um zehn Uhr geschniegelt und gestriegelt vor der Markuskirche. Wir kauen genüsslich die Reste der `Bäcker-Frank-Brezeln´, schlucken sie herunter und betreten das Gotteshaus. Ich verstehe nicht viel von Taufen, finde aber, dass sich Lucy dem Anlass entsprechend hervorragend macht. Nach einer Stunde betreten wir das Freie. Wieso weiß ich auch nicht genau, jedenfalls schaue ich in den wolkenlosen Himmel, drehe mich langsam um die eigene Achse und atme die Luft durch die Nase ein. Es riecht genauso, wie vor vierundzwanzig Stunden in Nesselwang.

569362_original_R_K_B_by_Helga Gross_pixelio.de„Ich glaube am Abend gibt es Schnee.“ Das Lachen meiner Mitmenschen irritiert mich keineswegs. Vergnügt steige ich in den Wagen und fahre dem Konvoi zum Bärenschlössle nach. Mit uns am Tisch sitzt ein auffällig gebräunter Herr, der nervös an seinen Schuhen herumfummelt.
„Ich habe seit drei Jahren keine mehr angehabt!“, erklärt er sich entschuldigend bei mir. Ich verstehe nicht so ganz.
„Ich arbeite auf einer kleinen karibischen Honeymoon Insel. Wir sind da alle barfuß.“
„Das ganze Jahr?“
„Ja wunderbar, oder? Wir haben nur eine Jahreszeit. Den Sommer!“ Seine weißen Zähne strahlen mich an.
Furchtbar, denke ich. Was wäre das für ein Leben? Ganz ohne Jahreszeiten?!
Um sechzehn Uhr verabschieden wir uns, suchen und finden unsere Kinder im Wald und bugsieren die Matschprachtstücke Richtung Wagen. „Nach Haue!“, rufen sie, ohne den Anschein zu machen, dass sie sich gelangweilt hätten. Die einzig sauberen Kleidungsstücke neben den Pyjamas sind die Winterklamotten. „Schnee und Winterbekleidung!“, lächelt mich meine Frau an und zieht den Jungen die Schlafanzüge an.
„Du wirst schon sehen“, schmunzle ich sie an und drehe den Zündschlüssel um.
Kurz vor Ulm geht der Regen in Schnee über. Auf der A7 legt er bereits an und ab Memmingen geht es nur noch mit Tempo sechzig voran. Ich liebe es Recht zu behalten.

IMG_0840Als wir von der Autobahn abfahren wachen unsere Kinder auf. Als ob wir im Landeanflug auf dem Mars wären, drücken sie ihre Nasen an den Scheiben platt. Der Wagen kommt knirschend vor unserer Einfahrt zum stehen. Ich öffne die Türe und eine unwirkliche, gedämpfte Stille empfängt mich. Das Licht der Straßenlaterne wird durch die sanft herabfallenden Schneeflocken geschluckt. Alles ist überzuckert, wirkt frisch, nur für diesen einen Moment geschaffen. Es tut mir fast schon leid, mit dem Wagen ein Stück dieser Perfektion zerfahren zu haben.

SONY DSCFackelwanderung?“, dringt es ehrfürchtig aus dem Fond des Wagens zu mir her. Ich drehe mich nicht um, sondern nicke nur. Meine Frau zieht den Kindern die Winterbekleidung über die Schlafanzüge, während ich aus der Garage die Fackeln hole. Wir zünden sie an, gehen wie bei einer Prozession um das Haus herum und laufen die kleine Anhöhe zum Nesselwanger Panoramaweg hoch. Als wir um die Ecke biegen setzt der Schneefall plötzlich aus und macht die Sicht auf den Vollmond, der über der Säulingsspitze steht frei. Gebannt bleiben wir stehen und betrachten das Spektakel, das keine Lichterkette der Welt für uns zaubern könnte.
„Ist jetzt Weihnachten?“, fragt Adrian leise. Endlich, die Vorfreude auf das Kommende macht sich in mir breit. Ich streichle ihm über den Kopf. “Bald, mein Kleiner, bald.“
Dahoam isch eben Dahoam!“, murmelt Tim aus tiefsten Herzen, als ob er hier geboren wäre.

IMG_2256Bildnachweis:

1. Nesselwang: Ingrid Rösner/Nesselwang Marketing GmbH, 2. Berlin: www.clearlens-images.de/pixelio.de, 3. Nachbarn: Bettina Stolze/pixelio.de, 4. Rauhhaardackel: M. Großmann/pixelio.de, 5. Adventsmarkt Stuttgart: Andri Peter/pixelio.de, 5. Bemalung: Ingrid Rösner/Nesselwang Marketing GmbH, 6.Dampflokomotive: sprisi/pixelio.de, 7.. Stern: Andreas Dengs/pixelio.de, 8. Hugo: Lichtbild Austria/pixelio.de, 9. Taufbecken: Michael Horn/pixelio.de, 10. Schnuppernase: Helga Groß/pixelio.de, 11. Sonnenuntergang: Ingrid Rösner/Nesselwang Markting GmbH, 12. Zündholz: Anja Skeide/pixelio.de, 13. Sabrina Schindzielorz/Nesselwang Marketing GmbH. Alle Rechte der Bilder liegen bei den Urhebern. Verwendung nur mit Genehmigung der Urheber!

Bildauswahl: Ingrid Rösner

Alle Rechte der Bilder liegen bei den Urhebern. Verwendung nur mit Genehmigung der Urheber!

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Florian Herb

Florian Herb

Florian Herb. Jahrgang 1971. Verheiratet. Zwei Söhne. Eigentlich Berliner. Hat jedoch am 07. September 2013 um 06:47 auf der Alpspitze nach zweijähriger Akklimatisierungphase beschlossen, dass er nun auch Nesselwanger ist. Was soll er auch woanders? Im Hauptberuf Hausmann. Im Nebenberuf Autor. „Männerwirtschaft“ Ullstein Verlag 2013 ist sein Debüt und ein teilautobiographischer Frontbericht über den Ausnahmezustand Elternzeit. Sein neuer Roman "Liselotte, Frau Nowak und der Grieche" erscheint am 10. März 2014. www.facebook.com/herbflorian www.ullsteinbuchverlage.de

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